Aufgemacht! Altona zeigt sich

 von D. Augener 


Seit mittlerweile dreizehn Jahren gibt es sie: die partizipative Stadtteilperformance „Altona macht auf!“. Auch in diesem Jahr – am 2. und 3. Juli – waren alle Anwohnenden eingeladen, sich im Rahmen der altonale kreativ einzubringen. Wir vom Stadtteilmagazin waren am 2. Juli bei der geführten Tour „Altona mittenmang – Wort und Gesang“ für euch vor Ort und haben die besondere Atmosphäre der vielfältigen Live-Performances eingefangen. 

Es ist kurz vor halb sechs. Ein schwülwarmer Julitag neigt sich dem Ende, doch in den Hinterhöfen, auf Balkonen und kleinen Bühnen Altonas beginnt das Leben erst richtig zu pulsieren. Menschen treten aus der oft anonymen Hülle des urbanen Alltags heraus und zeigen sich, wie sie sind – mit Themen, die sie bewegen. Die einen Stadtteil bewegen. Und wir von Mitte* natürlich mittenmang (hochd.: mittendrin). Also los – ab durch die Mitte, zu den Sehnsuchtsfenstern und Performances! 

Mit unserem Tourguide Gero entdecken wir Mitte Altona aus einem ganz neuen Blickwinkel. Gero – ein lässiger Typ mit lockerer Schnauze und extravaganter Kopfbedeckung samt integrierter Spaßperücke – schafft es im Handumdrehen, alle Teilnehmenden mitzureißen. Er ruft: „Altona...“, und die Menge antwortet: „...macht auf!“ Ein erstes Warm-up für rund 50 Besucher*innen, die der Hitze tapfer getrotzt haben – und zugleich der Startschuss für das, was uns in den kommenden Stunden erwartet: ein kreatives Feuerwerk, ein buntes Potpourri von unseren Balkonen und Hinterhöfen.
 

Der Auftakt des heutigen Abends bringt gleich erste Stimmung unter den Teilnehmenden. Eine türkische Mehrgenerationen WG mit den Namen “MEKAN”, beginnt folkloristische Gesänge anzustimmen – und das über mehrere Balkone hinweg. Hier wird authentisch lebensfroh über das Gesungen was uns zu Menschen macht: Liebe, Verlust und Sehnsucht. Themen die immer aktuell bleiben.
 

Tanzend und lesend geht es weiter: Eine Contemporary-Dance-Gruppe gebildet von den Kindern des Quartiers mit dem Namen “Tanz, wo du bist!” vor der Stadtteilschule Altona. Moves im gleißenden Sonnenlicht. Man sieht ihnen die Aufregung an, aber auch die Freude beim Performen. Mit rhythmischem Klatschen wird der mutige Auftritt von den Zuschauenden begleitet. Die Lesung der Schreibwerkstatt „Tolle Worte“ – ein Projekt für Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen – wird kurzerhand in den schattigen Bereich des Platzes vor der Eva-Rühmkorf-Straße 6 verlegt. Dort präsentieren zwei Mitglieder Auszüge aus ihren Texten. Den Auftakt macht Lina Strothmann mit ihrem humorvollen Beitrag „Ein Tag ohne Worte“, der das Publikum immer wieder zum Schmunzeln brachte. Anschließend liest Dennis Seidel seinen Text „Ein Tag ohne Pappfiguren“ vor – passend dazu hält er während der Lesung zwei Pappfiguren hoch, was für zusätzliche Heiterkeit sorgt. 

Doch es wird auch politisch: Sam Owi, Texterin und rüstige Frau mit elegantem schwarzem Hut. Sie trägt von ihrem Balkon in der Susanne von Paczensky Straße einen Auszug einer Kurzgeschichte vor. Ein scharfzüngiger, sarkastischer Kommentar, der die tief verwurzelte, soziale Ungleichheit und die selbstgefällige Überheblichkeit der Mächtigen mit poetischem Seziermesser entlarvt. Sätze wie:Für uns alle gelten die gleichen Werte – von wegen“. Oder der auf der weltpolitischen Bühne leider allzu bekannt gewordene Slogan “Make America great again” persiflierend: „Made us great again“.
 

In einem ähnlich scharfzüngigen Ton äußert sich auch das Literat*innen-Duo Melita und Beate, das auf dem eingerüsteten Haus Harkortstraße 146 – direkt neben dem verwaisten Holstenareal – seine Stimme erhebt. Was folgt ist ein bitterböser, von Ironie tropfender Abgesang auf die Wohnsituation und die Lage um das Holstenareal. Eins wird offensichtlich: Hier wird mehr als nur simple Kritik geäußert. Hier wird sich poetisch Luft geschaffen, was sich seit längerer Zeit angestaut hat. Formulierungen: “Nur ein unbewohntes Wohnhaus ist ein gutes Wohnhaus.”, “Eigentum verpflichtet sich für nichts.” und “Der heilige Markt regelt alles.”, fallen. Das Publikum lacht und ist sichtbar angetan von der Perfomance.
  

Der Abend ist trotz von Lachern und zorniger politischer Rede von einer gewissen Fragilität geprägt: Die sommerlichen Temperaturen haben ihren Höhepunkt erreicht, die Menschen wirken dadurch erschöpft – besonders im Vergleich zum deutlich kühleren Folgetag von ‚Altona macht auf‘, an dem rund 300 Teilnehmende gezählt wurden. 
 

Apropos fragil: Sensibel klingt auch die schöne Stimme von Ines Linn, als sie zur Gitarre im Hinterhof der Domenica – Niehoff – Twiete 2 greift. Ines ist eine aufstrebende Singer-Songwriterin. In der ersten Reihe haben es sich einige Kinder auf einer farbenfrohen Regenbogendecke gemütlich gemacht. Ihre melancholischen Lieder – darunter das Stück „Skydive“ – fangen die Hitze des Tages ein und verwandeln sie in eine friedvolle Atmosphäre. Ihre Musik erinnert an Katie Melua, ihre Texte sind persönlich, einfühlsam. Ein innerer Resonanzraum wird erschaffen und das Publikum lauscht andächtig. Ein echtes Highlight des heutigen Abends. 

Und noch ein weiterer Hof, der bespielt wurde: HafengeBEAT, ein Popchor, bringt mit „Bella Ciao“ einen Gänsehautmoment. Der antifaschistische Klassiker hallt durch den Innenhof von Lille Torf 2. Danach stimmt der Chor noch weitere Lieder an: „I’ll Be There for You“, Titelsong von der berühmten Serie “Friends” und eine chorale Version von „Wannabe“ der Spice Girls. Die Stimmen sind stark, gut ausgebildet, der Applaus laut – sogar ein Hund stimmt mit ein.
 

Initiiert wurde das Projekt vom „theater altonale“, unter der künstlerischen Leitung von Tania Lauenburg und dem Theaterautor Carsten Brandau. Wie viel Herzblut und Engagement in „Altona macht auf!“ stecken, zeigt sich nicht nur in der Auszeichnung mit dem renommierten Hamburger Stadtteilkulturpreis 2017, sondern auch in der langjährigen, aktiven Beteiligung der Anwohnenden. Ein wichtiger Teil des Zusammenlebens.  

Auch unser Eindruck: Inmitten allgegenwärtiger Krisen bringt Kunst Menschen zusammen. Kreativität verbindet Generationen, Lebensgeschichten und Kulturen. Ein Abend, der zeigt, wie vielfältig, politisch und lebendig ein Stadtteil sein kann. Die durchweg gute Stimmung – selbst am bislang heißesten Tag des Jahres – war jedenfalls Bestätigung genug. 

Übrigens: Beate vom Literat*innen-Duett ist aktiv in der Bürgerinitiative “knallt am dollsten”, welche sich für eine zukunftsfähiges Holstenquartier und den Erhalt der historischen Brauereigebäude einsetzt. Eine Petition wurde mit dem Denkmalverein Hamburg gestartet, denn es besteht dringender Handlungsbedarf für ein sozial und baukulturell verantwortlichen Umgang mit dem geschichtsträchtigen Holstenareal. 


Fotos: Redaktion 

Unser Guide Gero begrüßt uns beim Brunnen des Restaruants Blaue Blume.

Über Balkone und Generationen hinweg: MEKAN singt zum Auftakt der Tour folkoristische Lieder.

Gleich geht die Perfomance von "Tanz, wo du bist!" los: Die Treppe zur Schule wird zur Tribüne umfunktioniert.

Tolle Worte werden von Lina Strothmann und Dennis Seidel vorgetragen.

Wandern in der Hitze. Gut wenn man Wasser dabei hat.

Letzte Absprachen zwischen Gero und der Autorin Sam Owi.

...dann geht's los: Sam Owi liest aus einer ihrer Erzählungen vor.

Mal nicht auf den Bus warten: Zuschauende hören konzentriert dem Literat*innen - Duo an der Harkortstraße zu.

Eine Nahaufnahme von der künstlerischen Aktion: Wichtige Worte fallen.

Ines Linns melodische Stimme halt durch den Hinterhof: Klein und Groß sind versammelt.

Singer Songwriterin Ines Linn.

Echte Profis am Werk: HafengeBEAT setzt zu einer bunten Mischung an Gesängen an.

Eine farbenfrohe Windblume zum Schluss: Altona bleibt bunt!