“Ein Raum für Sensibilität” 

Ines Linn über Sichtbarkeit von Frauen und ihren Weg zur Musik 


Im Rahmen von „Altona macht auf“ am 2. und 3. Juli 2025 haben wir Ines Linn erlebt, die mit ihren melodischen Songs die Besucher*innen in Mitte Altona verzaubert hat. Im Interview mit uns spricht sie über ihren persönlichen Weg zur Musik und ihre erste Veröffentlichung, über die Rolle von Frauen in der Musikbranche und ihre Verbindung zum f*mz.

von D.Augener

Was hat Dich zur professionellen Musik gebracht? Gab es einen besonderen Schlüsselmoment oder Einfluss? 

Ines Linn: Ich habe schon als Kind angefangen zu schreiben und zu improvisieren – da sind immer wieder kleine Stücke entstanden. Das kam einfach ganz natürlich aus mir heraus. Während meiner Schulzeit habe ich das allerdings nur im Privaten gemacht. Nach dem Abitur war ich dann ein Jahr allein in Neuseeland und bin viel gereist. Dort habe ich mit einem Musiker zusammengewohnt. Eines Tages meinte er zu mir: „Sag mal, Ines, warum machst du das eigentlich nicht vor Leuten? Warum zeigst du das niemandem?“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Warum eigentlich nicht? 

„‚Sag mal, Ines, warum machst du das eigentlich nicht vor Leuten? Warum zeigst du das niemandem? Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Warum eigentlich nicht? “ 


Ich habe gelesen, dass deine erste EP* bald erscheint. Kannst du uns schon den Namen der EP verraten? 

Ines Linn: Ja, das Ganze hat sich ein wenig verzögert. Die Aufnahmen sind zwar fertig, und ich habe bereits zwei Musikvideos produziert, aber aus verschiedenen Gründen hat sich die Veröffentlichung verschoben. Jetzt ist geplant, in diesem Winterzu starten – zunächst mit der ersten Single “Bewildered Heart”, eventuell folgt später noch eine zweite, und dann erscheint die komplette EP. Momentan ist geplant, die EP All Oceans" zu nennen. 

Wie entsteht bei dir ein Lied? Beginnt es mit einem Gefühl, einer Stimmung, einer spontanen Melodie in deinem Kopf? Oder gehst du ganz strukturiert und rational an den Prozess heran? 

Ines Linn: Bei „All Oceans“ geht es tatsächlich um Gefühle – der Titel ist übrigens auch ein Song, der erscheinen wird. Es geht um emotionale Welten, die ich mit den Weltmeeren vergleiche: Man taucht ein, taucht wieder auf, manchmal ist alles aufgewühlt, manchmal ruhig und klar. Manchmal sieht man alles, manchmal gar nichts – wie im Sturm. Oft beginnt es bei mir mit einem Gefühl. Die Songs entstehen meist, wenn ich etwas verarbeiten muss. Dieses Gefühl ist dann der Kern. Aber es kann auch passieren, dass mir etwas ins Auge fällt oder eine Erinnerung hochkommt – und plötzlich entsteht ein Text. Es ist jedes Mal ein bisschen anders. 

Wie würdest Du Dich selbst als Musikerin beschreiben? Gibt es bestimmte Anliegen als Künstlerin, die du besonders transportieren möchtest?  

Ines Linn: Stilrichtung würde ich auf jeden Fall sagen, ist Indie –Folk was meine Songs angeht. Ich spiele ja auch noch Soloklavier, was mehr so Neoklassik ist. Nun kommt aber erstmal die Indie - Folk EP, auf der wir Folk mit ein paar experimentellen Elementen verbunden haben. Was ich transportieren möchte, ist das ich einen Raum schaffen will, für Sensibilität und die Wahrnehmung dessen, was gerade wirklich da ist. Ich würde es als ein Tieftauchen und Auftauchen bezeichnen wollen. Das ist auch spannend, denn ich tanze ganz gerne zu anderer Musik, die sehr lebendig ist. Meine Musik ist aber mehr so ein Ort um zu sich und runterkommen. 

Im Sommer diesen Jahres trat Ines Linn beim "Altona macht auf" Festival auf.
Foto: Redaktion

Daran schließt sich auch die Frage an: Wenn ich mir deine Musik anhöre, denke ich an Ludovico Einaudi und auch an Katie Melua – an ihre fragilen Klänge, die eine gewisse Melancholie transportieren. Sind das Inspirationsquellen für dich? Welche Musiker*innen haben dich maßgeblich geprägt? 


Ines Linn: Ich habe meinen eigenen musikalischen Weg gefunden und schon immer sehr viel Musik gehört. Klavier spiele ich seit jeher gern. Irgendwann bin ich dann auf Ludovico Einaudi gestoßen und war sofort angetan – seine Musik ist total schön und inspirierend. Ich war sehr angetan davon, dass solche Klänge tatsächlich ein Publikum finden. Denn ich hatte lange das Gefühl, einfach nur für mich zu spielen, ohne dass diese Art von Musik eine Öffentlichkeit erreicht. Was Sängerinnen betrifft, habe ich früher viel Heather Nova und später z.B. Agnes Obel gehört, die natürlich auch irgendwie meine Musik und das Writing beeinflusst haben. 

“Was ich transportieren möchte, ist das ich einen Raum schaffen will, für Sensibilität und die Wahrnehmung dessen, was gerade wirklich da ist.” 


Du warst ja eine Zeitlang Mitglied der Band “Settlelight” und bist nun primär Solo aktiv. Wie kam es zu dieser Entscheidung, besteht die Band noch in irgendeiner Form weiter?  

Ines Linn: Die Band gibt es in dieser Form nicht mehr. Ich glaube, das passiert leider vielen Bands - irgendwann lebt man in verschiedenen Städten. Während des Studiums waren wir sehr aktiv, aber dann wird man Eltern und setzt andere Prioritäten im Leben, sei es in Bezug auf Musik oder den Alltag. Dadurch hat es irgendwann einfach nicht mehr gepasst. Danach folgte eine persönliche Pause, weil ich Mutter geworden bin. In dieser Zeit habe ich viel gespielt und geschrieben, aber keine Konzerte gegeben. Irgendwann haben wir dann mit den Aufnahmen zur EP begonnen. Mit der Band ging es nicht mehr weiter, und ich hatte das Gefühl, dass ich die Aufnahmen diesmal ganz nach meinen eigenen Vorstellungen umsetzen möchte. In einer Band ist vieles mit Abstimmung verbunden. 


Gibt es auf deiner “EP” Kooperationen mit anderen Musiker*innen? 

Ines Linn: Ja, ich habe mit einem ganz tollen Produzenten zusammengearbeitet. Er heißt Jo Varain. Wir hatten einen super kreativen Prozess zusammen. Die Songs, das Grundgerüst der EP und die Songstrukturen standen bereits grob fest, und er hat mir dann beim Feinschliff geholfen. Zunächst haben wir Spuren aufgenommen, bei denen ich Gitarre oder Klavier spiele und singe. Danach kamen nach und nach weitere Instrumente hinzu – alle Musiker*innen stammen aus unserem direkten Bekanntenkreis. Zum Beispiel hat eine Cellistin mitgewirkt, die ich aus der Band „Settlelight“ kenne.  

Ich habe die Cellostimme vorher komponiert und dann im Studio am MIDI-Keyboard ausgetüftelt , wie sie als Cellolinien zu den Tracks passen, die ich eingespielt habe. Dann hat die Cellistin die Sachen eingespielt.


Mit welchem großen Künstler würdest du gerne mal zusammenspielen oder zusammenarbeiten? 

Ines Linn: Lustig, das wurde ich neulich schon einmal gefragt. Da musste ich direkt an den Pianisten Lambert denken. Ansonsten… hm, ich überlege gerade… nein, ich glaube, ich finde die Idee mit einem Pianisten immer noch großartig. Zwei Klaviere auf der Bühne - das wäre richtig cool! Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann genau das. 

Du machst ja schon sehr lange Musik. Wie hat sich im Laufe der Zeit dein Stil verändert, gerade in Bezug auf deine Zeit bei der Band “Settlelight”.  

Ines Linn: Ich glaube ich würde schon sagen, dass die Songs anders geworden sind als beispielsweise mit der Band “Settlelight”. Wir haben in der Band sehr organisch gespielt. Man konnte auf den Aufnahmen deutlich hören, da ist ein Schlagzeug, da ist ein Cello und da ist ein Bass usw.. So wie wir damals live gespielt haben, so klang es auch auf der Platte. Jetzt ist schon anders würde ich sagen. Jetzt muss ich erstmal schauen, wie ich das live umsetze, was wir aufgenommen haben.  

Wann kann man dich in der Zukunft live erleben, gerade wenn nun deine EP erscheint? Gibt es schon Termine die du unseren Leser*innen mitteilen kannst? 



Ines Linn: Ich hatte diesen Sommer und Herbst einige Konzerte, aber die kleine Tour für die EP die steht noch nicht fest. Ich habe schon ein paar Orte auf jeden Fall, wo ich spielen möchte, aber mehr kann ich zurzeit noch nicht sagen. 

Musikerin mit Herz und Seele: Ines Linn performt auf der Bühne. 

Foto: ©Johannes Schaefer 

Ich habe gelesen, dass du im f*mz probst. Wie bist du in Kontakt gekommen?  

Ines Linn: Ich wohne in der Nähe des f*mz, und weil es ein so toller Ort ist, habe ich einfach mal angefragt. Es ist wirklich großartig dort - ein toller Verein mit tollen Räumen. Die Nutzungsmöglichkeiten sind sehr flexibel, was ich besonders schätze. In Zukunft möchte ich dort gerne Klavierimprovisationsunterricht anbieten. Geplant ist ein Kurs speziell für Frauen und Mädchen, die bereits etwas Klaviererfahrung haben, aber irgendwann in oder nach ihrer Kindheit aufgehört haben zu spielen. Es gibt erstaunlich viele Menschen, auf die das zutrifft. Ich finde es faszinierend, wie viele das Klavierspielen einmal gelernt haben und dann irgendwann damit aufgehört haben. Wenn jemand wieder Lust hat zu spielen, aber nicht weiß, wie er oder sie anfangen soll - und nicht mit Noten arbeiten möchte - dann möchte ich genau da ansetzen. Ich möchte weitergeben, was das Klavierspielen für mich bedeutet und was es in mir auslöst.


Wie nimmst du dich als Frau in der heutigen Musikwelt war? Ich erlebe die Musikbranche oft als sehr männlich geprägt. Selbst wenn eine Frau auf der Bühne singt, sind die Musiker drumherum meist Männer. Meinst du es gibt eine Wandlung in der Wahrnehmung der Frau als Musikerin?

Ines Linn: Ja, das war früher definitiv so - und ist es teilweise immer noch. Aber aktuell passiert wirklich viel. Ich bin in verschiedenen Netzwerken, zum Beispiel bei Music Women Hamburg und Music Women Germany. Dort bekommen wir regelmäßig Newsletter mit Infos zu Fördermöglichkeiten und aktuellen Themen. Außerdem bin ich Mitglied bei der Raketerei - einem Netzwerk für Musikerinnen. Wir unterstützen uns gegenseitig und bekommen auch von dort viel Support. Es ist schön zu sehen, wie sich gerade einiges bewegt.



 Das klingt nach einem Geben und Nehmen...

Ines Linn: Ja, man zahlt zwar für die Mitgliedschaft, aber man bekommt auch wirklich viel zurück. Für jede Frage, die man hat, bekommt man eine fundierte Antwort – zum Beispiel von jemandem, die selbst ein Label geführt hat und sich in der Musikbranche bestens auskennt.

Erfahrungswerte sind also enorm wichtig?

Ines Linn: Absolut. Es ist eine Online-Community, aber man kann sich auch persönlich treffen, wenn jemand gerade in Hamburg ist z.B.. Das hilft total - gerade, wenn man sich mal nur unter Frauen austauschen möchte. Es ist ein sehr unterstützendes Miteinander. Die Community ist groß und reicht über den gesamten deutschsprachigen Raum – also auch in die Schweiz und nach Österreich.

Erlebst du einen Wandel in der Musikbranche dahingehend, dass mehr Frauen sichtbar werden und die Szene durchmischter wird? 

Ines Linn: Ja, da wird inzwischen mehr darauf geachtet, beispielsweise bei manchen Festival-Lineups, dass auch mehr Frauen oder Bands mit weiblicher Frontperson auftreten. Aber da ist definitiv noch viel Luft nach oben. In meiner Band waren wir zwei Frauen und zwei Männer. Das war immer eine gute Mischung. Häufig sieht man aber das Bild: Vorne eine Frau als Sängerin, und dahinter nur Männer. Es ist schön zu sehen, dass sich etwas bewegt, wie zum Beispiel im Frauenmusikzentrum. Frauen am Schlagzeug gibt es zwar, aber immer noch eher selten. Ich finde es großartig, wenn hier mehr Aufmerksamkeit und Förderung stattfindet.

Natur als Inspirationsquelle: Ines Linn taucht ein in ihre inneren Klangwelten.
Foto: ©Lukas Grellmann, Editing: Jens Gaethje

Was verbindest du mit Altona? Gibt es besondere Ecken die du unseren Leser*innen empfehlen kannst?  

 

Ines Linn: Also, was ich an Altona und Ottensen wirklich liebe, ist, dass alles so nah beieinander liegt. Es fühlt sich fast an wie ein kleines Dorf mitten in der Stadt. Das finde ich total schön. Deshalb wohne ich hier auch so gerne. Wir wohnen jetzt in der Nähe der Elbe und des Jenischparks, wo es auch ein paar Schrebergärten gibt. Für mich ist Natur einfach sehr wichtig, deshalb bin ich oft draußen in der Natur. Gleichzeitig finde ich es schön, dass die Urbanität trotzdem ganz nah ist. 

“Häufig sieht man aber das Bild: Vorne eine Frau als Sängerin, und dahinter nur Männer. Es ist schön zu sehen, dass sich etwas bewegt, wie zum Beispiel im Frauenmusikzentrum.”


Ja, diese Mischung, dass man schnell in die Natur kann, um runterzukommen, aber genauso spontan in Altona einen Kaffee trinken gehen kann. Man hat beides direkt vor der Tür. 

Ines Linn: Genau das inspiriert mich auch. Was du auch herausgehört hast in der Musik, manchmal macht es mich melancholisch, weil ich versuche, diese Balance zu halten zwischen dem Wunsch, in die Natur zu ziehen und einem Haus im Wald, und dem Leben hier in der Stadt. Ich könnte das ja machen, aber ich will es gar nicht unbedingt. Jetzt gerade zumindest. Es ist dieses ständige innere Balance halten, das mich manchmal innerlich zerreißt und trotzdem fühlt es sich irgendwie richtig an.

Diese Mischung, diese Reibungspunkte zwischen Urbanität und Natur kann ja auch eine Inspirationsquelle für Musik sein. Die Zwischentöne in der Gesellschaft. 


Ines Linn: Ich freue mich über jeden Löwenzahn, der durch den Asphalt bricht, über diese kleinen Momente, die man überall in der Stadt entdecken kann. 

Zum Abschluss habe ich noch eine Frage: Was würdest du jüngeren Künstler*innen - sei es in der Musik oder anderen kreativen Bereichen - mit auf den Weg geben? 

Ines Linn: Ich spreche da aus einer Perspektive, in der ich selbst noch auf dem Weg bin – und das fühlt sich bei mir wie ein langer Weg an, aus verschiedenen Gründen. Aber ich glaube, wenn man spürt, dass etwas in einem ist, das raus möchte – ich spreche jetzt vor allem von Musik – dann sollte man dem unbedingt Raum geben. Ganz egal, was andere dazu sagen. Es ist wichtig, dass rauszulassen und nicht unter Verschluss zu halten. 

“Ich freue mich über jeden Löwenzahn, der durch den Asphalt bricht, über diese kleinen Momente, die man überall in der Stadt entdecken kann.” 


Vielen lieben Dank für das Gespräch, Ines. 


Ines Linn: Danke dir für die Einladung! 

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Weiterführende Links: 

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