obenstadt e.V. – Hamburgs Dächer neu denken
Text und Fotos: L.Gross
In Hamburg wird viel gebaut und nachverdichtet, Freiflächen werden knapper, Grün verschwindet – gleichzeitig liegen tausende Quadratmeter Stadtfläche ungenutzt direkt über unseren Köpfen. Genau hier setzt der gemeinnützige Verein obenstadt e.V. an. Im Juni organisiert der Verein die Hamburger Dachtage, die dieses Jahr ihren Schwerpunkt in der Mitte Altona haben.
Ein kleiner, aktiver Zusammenschluss von etwa zwölf Ehrenamtlichen, vor allem aus der Stadtplanung, ergänzt durch Geograf*innen, Webprofis und Designer*innen - Das ist obenstadt e.V.. Das Ziel des Vereins: Dächer in Hamburg sichtbarer machen – als Lebensraum, Klimapuffer und Treffpunkt.
Entstanden ist der Verein aus einer Masterarbeit. Stadtplanerin Daria Sankina (31) untersuchte gemeinsam mit einer Kommilitonin, welche Potenziale Flachdächer in Hamburg haben. Eine Professorin stellte den Kontakt zu den Rotterdamer „Dakendagen“ her – einem Festival, das seit 2014 spektakuläre Dachnutzungen zeigt. Rotterdam wurde Vorbild, die Masterarbeit zum Ausgangspunkt für den Verein.
Die Zahlen, die für mehr Dachnutzung sprechen, sind eindrücklich: Rund 37 Quadratkilometer (das entspricht ungefähr 25-mal der Fläche des Hamburger Stadtparks) Dachfläche in Hamburg gelten als theoretisch nutzbar. Viele davon sind heute triste Bitumenareale, schwarze Flächen, die sich im Sommer stark aufheizen und die Stadt zusätzlich erwärmen. Bepflanzte Dächer dagegen können Regenwasser speichern und langsam wieder abgeben, die Umgebung kühlen und Tieren sowie Insekten Lebensraum bieten. Intensiv begrünte, gartenähnliche Dächer können - bei entsprechender Statik – in attraktive Aufenthaltsorte verwandelt werden; extensiv und dünn begrünte Dächer mit flach wurzelnden Pflanzen fungieren als unkomplizierte Klimapuffer.
obenstadt e.V. denkt das Dach aber nicht nur ökologisch, sondern auch sozial. Dächer können Spielflächen für Schulen und Kitas sein, Urban-Farming-Orte, kleine Parks über der Stadt oder eine Bühne für Kultur.
Was die Vereinsmitglieder bei alldem antreibt, ist ein Perspektivwechsel: Die Stadt nicht nur in Quadratmetern am Boden zu denken, sondern dreidimensional. Dächer sind bereits da, sie warten nur darauf, klüger geplant und genutzt zu werden – als grüne Schwämme gegen Hitze, als Energieproduzenten und als besondere Orte für die Menschen dieser Stadt.
Auch die Mitte Altona wird bei dem Thema mitgedacht. Einer, der den Blickwechsel mit antreibt, ist Andy Hattrat (42). Der Anwohner der Mitte Altona, ist seit mehreren Jahren aktiv im Verein. Mit seinem Engagement suchte er bewusst nach etwas Sinnstiftendem mit gesellschaftlichem Mehrwert. Und der Schwerpunkt der Dachtage liegt in diesem Jahr wohl nicht umsonst in der Mitte Altona. Auch hier gibt es so einiges an (Dach-) Potential.
Die Hamburger Dachtage, gefördert durch die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUEKA), sind das sichtbarste Projekt des Vereins obenstadt. Alle zwei Jahre werden Dächer in der Stadt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, auf denen sich die Umgebung aus ungewohnter Perspektive erleben lässt. Die nächsten Dachtage finden vom 26. bis 28. Juni statt. Dann wird auf Gebäuden der Nachbarschaft – unter anderem der Stadtteilschule - ein Programm geboten, das Wissensvermittlung, Stadtentwicklung und Kultur verbindet.
In den vergangenen Jahren gab es sogenannte Expeditionen, bei denen die Zielorte nicht nur Informationen zur Entwicklung und Begrünung boten, sondern auch Workshops, Siebdruckaktionen, Konzerten, Lesungen und Kinoabenden hoch oben über der Stadt. Gut besucht waren auch Spiel- und Aktionsdächer für Kinder und Familien, Ausstellungsdächer mit Beispielen genutzter Dachflächen oder ein „Show-Dach“ mit unterschiedlichen Begrünungsformen.
Viele Angebote sind kostenlos oder sehr kostengünstig. Aufgrund begrenzter Kapazitäten müssen Plätze vorab gebucht werden. Das detaillierte Programm der diesjährigen Hamburger Dachtage wird etwa drei Wochen vor Festivalbeginn online veröffentlicht.
Habt ihr selber ein Dach, welches ihr öffnen möchtet oder Lust, das Festival als freiwillige Helfer*innen zu unterstützen? Der Verein freut sich über Unterstützung, unter den untenstehenden Kontaktdaten.