Der Musiker „Chillionair” Nick Hämmerling performt in seinem Tonstudio. Foto: K. F.

 

„Ich will prägen“

Nick Hämmerling (39) widmet sein Leben ganz der Musik. Unter dem Namen „Chillionair“ erscheint im Frühjahr 2026 sein erstes Album „Leben am Limit“, das er im eigenen Tonstudio produziert hat. Dort bietet er auch Audionachbearbeitung an. Zudem unterrichtet er Rap und Gesang und ist mit der Kollektiv-Band „All for One” unterwegs. Wir haben den Bewohner der Mitte Altona zum Gespräch getroffen.  

 Interview und Text: K.F. und L. Gross

Wir sind hier in deinem Studio, du wohnst aber in der Mitte Altona. Kulturelle Angebote gibt es dort noch nicht so viele… 

Wir wohnen relativ frisch dort und fühlen uns sehr wohl. Ich bin absolut motiviert, kulturell etwas aufzubauen. Dazu bräuchte ich ein wenig Hilfe von Leuten, die schon länger hier leben, und die mir sagen können, was es für Möglichkeiten gibt oder wem überhaupt wichtig ist, dass etwas entsteht. 

Wie bist du auf deinen Künstlernamen gekommen?  

Ich war auf der Suche nach einem Reimwort, und da fiel mir Chillionair ein – das steht für: Ein Millionär in Entspanntheit. Wenn man daran reich ist, hat man es leichter. Das ist wichtiger als Geld, finde ich. 

Du rapst im Freestyle. Wie gelingt dir das am besten? Hast du Tipps? 

Ich habe mit sieben zu rappen angefangen, bin also schon lange dabei. Man setzt sich dran und überlegt, was habe ich der Welt zu sagen. Mein Tipp wäre, Reimen üben, viel Rap hören und häufig auf Freestyle Sessions gehen. Und es ist wie beim Sport, tägliches Üben. Dazu habe ich meinen Fitness- und Ernährungsplan. Es geht darum, dass man alles aus der Stimme herausholt.   

Man benötigt Luft... 

Ja - Atmung ist wichtig. Es gibt Schnittmengen zwischen Rap und Gesang. Timing, Atmung, Artikulation. Gerade beim Rappen ist das wichtig, weil man sehr schnelle Wortkombinationen hat. Auch Texte lernen ist wichtig beim Rap, genauso wie Gedächtnistraining.  

Auf Konzerten rappst du nicht nur zu Beats, sondern spielst auch Klavier.

Genau – bei Live-Auftritten kann man meine Musik wirklich hautnah erleben. Für mich ist das jedes Mal eine Reise zu mir selbst. Wenn ich meine Texte erneut durchgehe und sie rappe, finde ich mich darin wieder. Das bin ich – mein Leben, meine Seele, meine Gefühle. Jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe, gehe ich da erneut durch und spüre all das. Und jedes Mal fühlt es sich ein bisschen anders an. 

Geht es in deinen Songs ausschließlich um persönliche Erfahrungen, oder auch mal um gesellschaftliche Themen?  

In meinem Song „Opferrolle“ geht es darum, wie die Menschen mit mir und meiner Blindheit umgehen. Ich werde oft erstmal in diese Opferrolle gesteckt. Bis die Leute dann merken, der ist ja voll am Start. Ich wünsche mir, dass es das gar nicht braucht, man sich nicht beweisen muss. Eigentlich ist es egal, ob ich blind bin oder nicht. Es ist für mein Leben, für mein Menschsein nicht wichtig. Es ist ein Merkmal, der Eine ist groß, der Andere ist klein – und ich bin halt blind. Aber das bin ich ja nicht in erster Linie. Ich glaube, dass viele blinde Menschen von der Gesellschaft ein bisschen klein gehalten werden. Dieses Verhalten ist ein Spiegel, was in der Gesellschaft passiert. Das zu zeigen, darüber aufzuklären, ist auf jeden Fall eines meiner Themen als Künstler. 

Du stehst aber nicht immer alleine auf der Bühne, oder?  

Ich habe eine Live-Band, die sich gerade formt: die All for One-Kollektivband. Dort bin ich Schlagzeuger, Rapper und Sänger zugleich. Gemeinsam bringen wir die Songs aller Bandmitglieder auf die Bühne und setzen die Musik jedes Einzelnen gemeinsam um. 

Unterricht in Rap und Gesang bietest du ebenfalls an. 

Genau, hier in meinem Studio. Natürlich habe ich nur begrenzte Kapazitäten, da meine eigene Künstlerkarriere im Vordergrund steht und ich viel unterwegs bin, um zu reisen und mich zu vernetzen. Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr deutschlandweit aufzutreten. 

Arbeitest du denn aktuell auch noch als Physiotherapeut?  

Nein. Das wäre für mich zu viel. Ich würde es zwar gerne, aber die Zeit ist nicht mehr da.  

Du lebst also allein von der Musik? 

Ja, ich lebe vom Unterrichten, der Chorleitung, von Auftritten – und auch von Straßenmusik. Gerade im Sommer macht das unglaublich viel Spaß, und ich habe schon oft in den Straßen Altonas musiziert, zum Beispiel vor dem Mercado oder rund um den Bahnhof. Dafür ist der Stadtteil wirklich großartig. 

Generell gibt es nur wenige blinde, selbstständige Musiker. Die meisten arbeiten in irgendeiner Form angestellt, denn Selbstständigkeit ist eine echte Herausforderung. Es gibt zwar die Arbeitsassistenz (*Anm. d. Red.: Unterstützung für Menschen mit Behinderung am allgemeinen Arbeitsmarkt, die hilft, behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen, indem eine Assistenzkraft bei konkreten Tätigkeiten hilft, ohne die Arbeit selbst zu übernehmen), aber meiner Meinung nach werden diese Assistenzkräfte viel zu schlecht bezahlt, weshalb es schwer ist, qualifizierte Unterstützung zu finden. 

Für mich ist es zusätzlich besonders schwierig, weil meine Arbeit nicht nur aus einem klar abgegrenzten Bereich besteht. Es geht bei mir viel vielseitiger zu: Assistenzkräfte müssen sich in alles einarbeiten – mir Wege zeigen, sich mit Tontechnik auskennen, Dinge im Internet recherchieren und vieles mehr. Und das wechselt ständig. 

 

 

Seit wann bist du Musiker? 

Lange. Berufsmusiker erst seit 2020. Musik mache ich, seitdem ich sechs bin. Ich bin damit aufgewachsen und kann mir ein Leben ohne nicht vorstellen. Es ist mein Ventil und einfach meine Lebensfreude. 

Hat jemand in deiner Familie Musik gemacht? 

Meine Oma war im Chor. Die war sehr, sehr musikalisch. Sie hat echt viel Gefühl in der Stimme gehabt. 

Du hast mit sechs angefangen Schlagzeug zu spielen, was haben deine Eltern dazu gesagt? 

Die waren keine Musiker, haben mich aber immer unterstützt. Manchmal war es denen zu laut. Und wenn ich morgens um vier Uhr, vor der Schule, gespielt habe, haben sich die Nachbarn beschwert, was mich sehr traurig gemacht hat. Ich hab das gar nicht verstanden als Kind, warum nicht alle so eine Freude daran haben. 

Hast du eine musikalische Ausbildung?  

Ich habe lange Gesangs-, Klavier- und Schlagzeugunterricht genossen – aber kein Studium absolviert. Mein Klavierlehrer meinte, wenn du auf die Bühne willst, studiere lieber nicht. Theorie bringt dir da nichts. Du kannst sie als Grundlage nehmen aber die Bühne ist ein eigenes Medium, bei dem es auch darum geht, wie man die Konzerte bewirbt, die Show aufbaut und das Publikum mit einbezieht. 

Einer deiner Textzeilen lautet „Ich bin froh, wie es ist, denn ich kann berühren” – was meinst du damit genau?  

Dass ich froh bin, mich ausdrücken zu können. Das ist eine Gabe, die man als Musiker mitbekommt: dass man eine Stimme, eine Seele hat, die sich ausdrücken kann und will. Wie gut, dass mir als Kind nicht gesagt wurde: „Sei ruhig!” Dass das direkte Umfeld vermittelt hat, du darfst fühlen. Manchmal denke ich, viele Leute meinen, sie dürfen nicht fühlen, dass fühlen peinlich ist, irgendwie nicht angemessen. Das sehe ich  kritisch: „Wir sind doch Menschen, wir sind fühlende Wesen!“ 

Ich wünsche jedem Menschen, frei zu sein – frei zu fühlen, zu lieben, traurig zu sein. Für mich geht es immer um Lebendigkeit. Dazu habe ich einmal eine Zeile geschrieben: “Bis zur Unendlichkeit verehre ich die Lebendigkeit.” Denn Lebendigkeit ist für mich etwas Wundervolles und Kraftvolles. 

Wie hältst du deine Kompositionen fest?   

Texte schreibe ich mit einer Punktschriftmaschine auf. Mit dem I-Phone mache ich Sprachaufnahmen. Damit zeichne ich auch Klavierstücke auf und übe sie dann. Danach nehme ich die Stücke im Studio auf. 

 Wie erlebst du ungefragte Hilfe, auch bei deinen Auftritten?  

Mir ist es wichtig, ernst genommen zu werden. Und zwar als Musiker und als Mensch. Manchmal fühlt es sich an, als würden die Leute einen als nicht so vollwertig ansehen. Oder andersherum besonders herausheben, so als wenn sie sagen würden: „Ey du bist ja sicher so wie Stevie Wonder, du kannst bestimmt auch so gut spielen.” Nur weil der auch blind war. Das ist ebenfalls ein Vorurteil, das nur in die andere Richtung geht. Bei Hilfe mag ich es lieber, wenn ich selber danach frage. Viele wollen unterstützen – die Frage ist warum. Um sich danach auf die Schulter zu klopfen, um dann zu sagen: „Ey ich hab dem Blinden geholfen, ich bin jetzt ein besserer Mensch und kann meine Fehler, deshalb mal vergessen?”Also ist es eher ein „Gutes tun“, um zu verdrängen oder sich zu profilieren? Oder ist es eine Hilfe, die wirklich aus dem Herzen heraus kommt? Es gibt beides. Aber ich glaube, Ersteres ist häufiger. Es gibt viele, die aus ganzem Herzen helfen, wirklich. Aber auch genug Leute, die das nicht tun, und das finde ich ganz schlimm. Dann sollen die mir lieber gar nicht helfen. Und dann gibt es da noch die, die aus Mitleid helfen – das ist das Allerschlimmste!   

Möchtest du zum Schluss noch etwas sagen?  

Musik ist nicht nur dafür da, sich berieseln zu lassen, sondern auch, sie auf sich wirken zu lassen. Die meisten nehmen sich keine Zeit mehr für Musik, die nicht nur unterhält. Doch ich will nicht unterhalten, ich will prägen. Und Kunst, die prägt, hat es heute, glaube ich, schwer. Viele lassen sich nicht mehr darauf ein. Ich will meine Hörer*innen wohin führen, dahin, wo Liebe, wo vielleicht eine Erkenntnis ist. Also Musik ist Erkenntnis. Das ist glaube ich mein letztes Wort. 

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Chillionair ist am 20.12.25 um 19 Uhr in der Jugendkirche Flottbek (Flottbeker Mühle 28) mit der Band „All for One” und seinem Chor zu hören. 


Weitere Konzerte, Musik und Kontakt sind unter  www.chillionair.de zu finden.